SCHATTENWANDERER - LESEPROBE


Noch Tage danach nagte die Begegnung mit meinem Vater an mir. Es war so verwirrend, dass ich mich öfter fragte, ob ich mir nicht alles nur eingebildet hatte.

 

Gerade konnte ich nicht mehr weiter darüber nachdenken, denn das wöchentliche Familienessen stand an.

 

Ich war früh dran. Wie immer, denn ich liebte es einfach, Mom in der Küche Gesellschaft zu leisten. Ihr beim Kochen zuzusehen – denn mehr durfte ich nicht dazu beitragen – hatte eine vertraute Wirkung auf mich und erinnerte mich auf beste Weise an früher.

 

»Hast du was?« Marcus betrat die Küche und erwischte mich dabei, wie ich ins Leere starrte.

 

Ich zuckte unmerklich zusammen, aber setzte sofort ein Lächeln auf. »Hab geträumt«, sagte ich das Erste, was mir einfiel.

 

»Sie ist schon die ganze Zeit so komisch«, gab meine Mutter zum Besten, ohne auch nur von der Schüssel aufzublicken. Mom hatte vorher schon die ganze Zeit versucht, mir auf den Zahn zu fühlen, und dann irgendwann schnaubend aufgegeben.

 

Während ich sie so von der Seite betrachtete, verfiel ich wieder ins Grübeln. Es brannte mir unter den Fingernägeln, sie nach den Briefen zu fragen, die Dad erwähnt hatte. Gleichzeitig aber hielt mich alles davon ab. Dieses Gespräch würde nicht ohne Streit verlaufen.

 

Die Vorstellung, dass Mom all diese Jahre etwas vor mir versteckt haben könnte, verletzte mich sehr. Allerdings glaubte ich nicht, dass es diese Briefe wirklich gab. Dafür wirkte mein Vater zu verwirrt auf mich.

 

Ich brauchte Klarheit. Auch wenn es sicher keine Freude werden würde, Mom zu eröffnen, dass ihr Ex-Mann wieder aufgetaucht war. Das allein würde sie schon völlig an die Decke gehen lassen. Weshalb ich auch plante, ihr das winzige Detail zu verschweigen, in dem er nachts bei ihrer Tochter eingebrochen war.

 

Nachdem Mom das Essen abgeschmeckt hatte, überlegte sie kurz. Dann drückte sie den Rücken durch und ging rüber zum Gewürzregal. Diese plötzliche Abwechslung in ihren Bewegungen holte mich wieder aus meinen Gedanken heraus.

 

»Deine Mutter und Liz werden uns heute nicht beehren?«, fragte Marcus wie beiläufig, aber er bedachte mich mit einem ruhigen Lächeln.

 

Mom kam zurück zur Schüssel und streute ein Pulver hinein. »Nein«, sagte sie mit einem Seufzen und fügte dann leiser hinzu, sodass selbst ich es kaum verstehen konnte, obwohl ich neben ihr stand: »Zum Glück.«

 

Ich unterdrückte ein Schmunzeln, war aber nur wenig erfolgreich und es trieb mir die Tränen in die Augen. Meine Großmutter und Tante waren, gelinde gesagt, etwas eigen. Sie kamen jede Woche zum Familienessen und es war immer anstrengend für Mom, sie um sich zu haben. Zwischen den dreien herrschte eine seltsame Dynamik. Trotzdem würde meine Mutter sie immer und immer wieder zum Familienessen bestellen.

 

»Sie haben heute anderweitig zu tun«, erklärte sie laut wie zur Antwort auf meine Gedanken.

 

Marcus stieß sich vom Tisch ab, an dem er zuvor gelehnt hatte, und kam die paar Schritte zu uns rüber. Er stellte sich halb hinter meine Mutter und versuchte, über ihre Schulter in die Schüssel zu schielen. »Was gibt es heute eigentlich?«, fragte er und hob die Augenbrauen.

 

»Na!«, rief sie zur Antwort und stieß ihn spielerisch von sich. »Das wirst du dann schon sehen, wenn es auf dem Tisch steht.«

 

Er hielt sich den Bauch und lachte.

 

»Ich brauche noch …«, murmelte meine Mutter mehr zu sich selbst und suchte die Luft vor sich mit den Augen ab, als würde dort eine Antwort stehen, die wir anderen nicht sehen konnten. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief aus der Küche heraus, vermutlich um etwas aus der Vorratskammer zu holen.

 

Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, griff Marcus sich einen Löffel. Er zwinkerte mir zu. »Pssst«, zischte er grinsend und hielt sich einen Finger an die Lippen. Dann machte er Anstalten, etwas aus der Schüssel zu probieren.

 

»Marcus!«, polterte die Stimme meiner Mutter durchs Haus und brachte mich zum Lachen. »Es wird nicht probiert, bevor es nicht Zeit fürs Abendessen ist.«

 

Sie kannte ihn einfach zu gut, was er mit einem Augenrollen quittierte. Er legte den Löffel brav beiseite, aber sah trotzdem überaus glücklich aus.

 

»Wie war deine Arbeitswoche?«, fragte er mich dann und stellte sich mit verschränkten Armen mir gegenüber.

 

Ich winkte ab. »Reden wir nicht drüber.«

 

Marcus war ein schlaksiger Mann. Seine Haare waren etwas länger und standen in alle Richtungen ab. Das Dunkelbraun war mit gefärbten, blonden Strähnchen durchsetzt. Sein langes Gesicht wurde von einem breiten Brillengestell aus dunklem Holz unterbrochen, hinter dessen Gläsern kleine blaue Augen schimmerten.

 

»Und bei dir?«, erkundigte ich mich.

 

Seine Augen hellten sich auf. »Wir reden sonst nie über meine Arbeit«, witzelte er. Das taten wir wirklich nie. Das Forschungsgebiet, mit dem er sich befasste, war etwas zu düster für mich.

 

Und zu unglaubwürdig.

 

»Streng genommen tun wir das jetzt auch nicht«, hielt ich dagegen.

 

»Touché«, entgegnete er lachend. Dann aber wurde er ernster und fing an, auf den Außenseiten seiner Füße zu wippen. »Du hast ja gesehen, was hier los war. Jason und ich haben Inventur gemacht über alles, was wir aus London bekommen haben. Dann wurde es in die Fakultät gebracht.«

 

»Das sah nach einer ganzen Menge aus. Was war so dabei?«

 

»Hauptsächlich Artefakte, meist unbekannten Ursprungs mit einer Menge Bildarbeit. Aber auch vieles an Unterlagen. Die neueren Dinge sind natürlich digital, aber die alten? Auf Papier in Pappkisten. Auf ziemlich viel Papier. Immerhin wurden die ersten Sichtungen der Wesen schon in der Antike gemacht.« Er hob vielsagend die Augenbrauen.

 

Ich nickte verständnisvoll und rang mit mir, ob ich ihn zu den Schatten befragen sollte. Vielleicht würde es mir aufzeigen, aus welchem Grund Dad sich so seltsam verhalten hatte.

 

»Was?«, fragte Marcus da unvermittelt. »Wieso kaust du auf deiner Wange herum?«

 

»Ich hab nicht …«, setzte ich zum Leugnen an, aber unterbrach mich, als er wissend den Kopf schräg legte. »Okay. Ja, ich habe auf meiner Wange herumgekaut.«

 

Er wartete geduldig und ich überlegte fiebrig, was und wie ich es fragen sollte. Nach einer Weile seufzte ich. »Kannst du mir ein bisschen mehr zu den Schatten erzählen?«, presste ich abgehackt hervor.

 

Er drückte den Rücken durch und seine Augen weiteten sich überrascht. »Woher das plötzliche Interesse?«

 

»Ach, ich hatte da nur kürzlich eine Konversation über deine Arbeit mit …«, ich zögerte, während ich überlegte, ob ich ihm von der Begegnung mit meinem Vater erzählen sollte, aber entschied mich schließlich dagegen, »… jemandem. Und diese Person wusste mehr über das Thema als ich. Da habe ich ein schlechtes Gewissen bekommen.«

 

»Ava«, sagte er und sein Gesichtsausdruck wurde weich. »Du musst deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Deine Mutter fühlt sich auch nicht wohl mit der Thematik. Es ist ein delikates Gebiet und ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn man es lieber meidet.«

 

»Schon, aber …« Wieder zögerte ich. »Ich würde wirklich gern etwas darüber erfahren. Immerhin habe ich nicht einmal die Grundkenntnisse.«

 

Er lachte auf. »Das glaube ich nicht. Du kannst nicht in diesem Haus aufgewachsen sein und so gar nichts mitbekommen haben.«

 

Das stimmte. Marcus ließ seine Studien des Öfteren überall im Haus verteilt herumliegen. In der Hinsicht war er nicht der Organisierteste und es kam häufig vor, dass er meine Mom nach Papieren fragen musste, weil er sich nicht mehr erinnerte, wo er sie zuletzt hingelegt hatte. Entsprechend oft war ich also selbst darüber gestolpert, als ich noch hier gewohnt hatte. Die ein oder anderen Unterlagen hatte ich überflogen, aber interessiert hatte es mich schlichtweg nicht. Marcus’ Leidenschaft und Glaube an das Übernatürliche in allen Ehren, für mich fehlten einfach zu viele Beweise für die Existenz von Wesen aus anderen Welten.

 

»Nun, wo soll ich da anfangen?«, sinnierte er. »Ist es dir schon einmal passiert, dass du schnell an einem Raum vorbeigelaufen bist und im Augenwinkel glaubtest, eine menschliche Gestalt gesehen zu haben? Aber als du stehen geblieben und zurückgeschaut hast, war da niemand?«

 

Kurz dachte ich nach, aber schüttelte den Kopf.

 

»Oder, dass du nachts aufgewacht bist und in der Ecke des Raumes stand jemand, der dich beobachtet hat? Aber als du das Licht angemacht hast, war da nichts?«

 

Ich zuckte die Schultern. »Passiert das nicht den meisten Leuten? Manchmal wacht man nachts auf, aber ist noch nicht so wach, dass der Kopf das realisiert. Vielleicht nimmt man etwas aus den Träumen mit«, überlegte ich laut und runzelte die Stirn.

 

»Ja. Und nein.« Er unterstützte seine Worte mit Handgesten. »Natürlich gibt es rationale, biologische, psychologische Erklärungen zu dem Phänomen der Shadow People. Damit meine ich die Begegnung mit einem menschenähnlichen Schatten. Aber ich beschäftige mich vor allem mit dem übernatürlichen Ansatz. Ich begreife diese Erscheinungen als lebende Entitäten.«

 

Eine Gänsehaut kroch mir über die Arme und ich zog die Schulter etwas an. »Aber was ist der Zweck? Wieso stehen die einfach so nachts im Zimmer rum und warten darauf, dass man aufwacht und einen Blick auf sie wirft?«

 

»Darüber ist man sich in der Forschung nicht einig.« Er rieb sich über das Kinn und sah kurz zur Decke. »Es gibt Theorien zu Parallelwelten und Astralprojektionen. Einige glauben, dass sie böswillige Absichten verfolgen. Aber oft stehen sie in Verbindung mit lebhaften Träumen, Visionen und meist gehen sie traumatischen Erlebnissen voran. So, als würden sie versuchen, einen zu warnen.«

 

Unwillkürlich kam mir die Erzählung seiner Sichtung in den Kopf. Marcus war schon immer ein sehr spiritueller Mensch. Als er ein kleiner Junge war, hatten sie sogar eine ganze Weile in einem, nach seinen Worten, heimgesuchten Haus gelebt. Die Geschichten, die er aus dieser Zeit hatte, ließen einem das Blut in den Adern gefrieren. Sie hatten damals mehrere Besuche von Priestern und Geisterjägern. Außerdem hatte ein Medium ihnen eines Tages sogar eröffnet, sie hätten ein Vortex, also eine Art Geisterportal, im Keller gehabt.

 

Marcus betonte immer, dass er auch Wissenschaftler sei. Er glaubte zwar an das, was ihm passiert war, aber suchte noch immer nach Beweisen.

 

Die Erzählung, die mir aber in diesem Moment in den Kopf kam, war die, die ihn dazu getrieben hatte, sich auf das Gebiet der Schatten zu spezialisieren.

 

Er war damals noch im Studium, als sein Vater starb. Die Zeit bis zu dessen Tod hatte er bei ihm verbracht. Es passierte eines Tages ganz ohne Vorwarnung. Marcus verließ das Totenbett seines Vaters, um etwas zu erledigen, aber fand sich augenblicklich umringt von fünf Gestalten. Sie sahen aus wie Schatten, aber standen mitten im Raum. Dunkle, nebelhafte Masse mit klar abgezeichneten Konturen.

 

Er empfand keine Bedrohung bei ihrem Anblick. Sie gaben ihm eher das Gefühl, er wäre nicht allein und dass er zu seinem Vater zurückmusste. Kurz darauf tat dieser den letzten Atemzug.

 

»Der Mothman sagt dir was?«, riss er mich aus meinen Gedanken.

 

Ich nickte und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. Der kam zu meiner Jugendzeit tatsächlich sehr oft zur Sprache. »Point Pleasant«, unterstrich ich damit mein Wissen. Es war der Name des Ortes, in dem sich in den Siebzigern eine tragische Katastrophe ereignet hatte. Beim Einsturz einer Brücke waren viele Menschen gestorben. Monate vor dem Ereignis wurde immer wieder von Begegnungen mit einem Schattenwesen berichtet. Eine riesige Motte mit roten Augen.

 

»Genau.« Er nickte eifrig. »Ich finde, das ist der berühmteste und eindeutigste Beweis dafür, dass Schattenmenschen gute Absichten verfolgen.«

 

Mir fiel in dem Zusammenhang noch ein weiterer Schatten ein, der namentlich im Haus diskutiert wurde. »Ich erinnere mich noch daran, dass ihr öfter über einen Hatman gesprochen habt. Jason hat mir einmal eine ganze Woche darüber in den Ohren gelegen.«

 

Marcus lachte. »Ja, der hat ihn eine ganze Weile sehr in Atem gehalten. Aber es ist vor allem die Erscheinung, die mit Abstand am häufigsten beschrieben wird. Ein humanoider Schatten in der Form eines Mannes mit einem Hut auf dem Kopf. Deshalb Hat. Man.« Er unterstützte die Zusammensetzung der Bezeichnung mit einer hüpfenden Geste seines Zeigefingers.

 

Sein Gesichtsausdruck brachte mich zum Lachen.

 

Er setzte an, um noch etwas hinzuzufügen, als in diesem Moment mein Bruder wie ein kleiner Wirbelwind ins Zimmer gerannt kam. Mit weit geöffneten Armen fiel er Marcus entgegen, der ihn mit einem überraschten Japsen auffing.

 

»Seht mal, wer mir unbedingt eine Stelle aus seinem Buch vorlesen wollte«, sang Mom, die nun das Zimmer betrat. Mit strahlendem Gesichtsausdruck musterte sie die beiden. Wie beiläufig ging sie dabei zurück an die Schüssel und gab hinein, was sie geholt hatte.

 

»Da das Essen noch etwas braucht, würde ich mich noch einmal ins Büro absetzen«, erklärte Marcus, als sich die zwei etwas beruhigt hatten.

 

Nathan hatte die Arme um dessen Mitte geschlungen, umständlich sah er nun von dort zu seinem Vater hoch. »Darf ich mitkommen und bei dir weiterlesen?«, fragte er und die großen Augen glitzerten hoffnungsvoll.

 

Eigentlich war das etwas, was sowieso öfter stattfand. Sie saßen gerne beisammen und grübelten über geschriebenen Worten. Nathan über einem Buch, das er in der Bibliothek geliehen hatte, und Marcus brütete über seinen Studien.

 

»Na, dann komm, du Lesemonster«, sagte Marcus amüsiert und lief in Richtung Wohnzimmer. Er konnte sich nur schwer fortbewegen, weil Nathan ihn noch immer umschlungen hielt. Dabei lachten und glucksten sie.

 

Dieser Anblick ließ auch Mom und mich in Gelächter ausbrechen.

Als die Türglocke erklang, war mir unwohl bei dem Gedanken, mich darum zu kümmern. Immerhin war die Wahrscheinlichkeit hoch, dort Jason vorzufinden. Das wollte ich mir jedoch nicht anmerken lassen, besonders nicht nach dem Gespräch, das Mom und ich kürzlich dazu geführt hatten. Also biss ich die Zähne zusammen und setzte mich in Bewegung.

 

Jeder Schritt fühlte sich zäh an. Bitte, sei nicht Jason. Bitte, sei nicht Jason.

 

Doch als ich dann die Tür öffnete, musste ich alle Kraft aufwenden, damit mir nicht der Mund aufklappte.

 

»Hi«, sagte Ben gedehnt, die Augenbrauen hoch erhoben.

 

Unschlüssig starrte ich ihn weiter an. »Ähm, hi?«

 

Unser erstes Treffen war drei Tage her. Ihn so schnell wiederzusehen, damit hatte ich nicht gerechnet. Und schon gar nicht vor der Haustür meiner Eltern.

 

Seine Kleidung war genauso leger wie damals in der Bibliothek. Aber die Art, mit der sich das weiße T-Shirt über seiner Brust spannte, machte etwas mit mir. Darüber trug er eine schwarze Lederjacke, die so aussah, als wäre sie schon oft getragen worden. Sie war nicht schäbig, aber an manchen Stellen etwas verfärbt.

 

Die Vorstellung darüber, wie ich sie trug, huschte durch meinen Kopf. Als hätte er sie mir angeboten, bei einem Spaziergang lose über die Schultern gehängt, weil mir kalt war. Eine vertraute Geste.

 

Ich erschrak und hatte Mühe, das irrationale Gefühl abzuschütteln, er könnte meine Gedanken lesen. Wenn er davon wüsste, würde er mich sicher auslachen.

 

»Schön, dich wiederzusehen.« Er hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und zeigte seine wahnsinnig weißen Zähne. Dieses Lächeln war mir bei unserer ersten Begegnung schon aufgefallen. Niemals zuvor hatte ich jemanden so lächeln sehen. Es wirkte, als wäre er immerzu fröhlich, als könne ihn nichts trüben.

 

Himmel, was für Albernheiten, schalt ich mich.

 

»Aber eigentlich wollte ich zu Professor Cunningham«, erklärte er höflich.

 

»Oh.« Ich stockte einen Moment irritiert. »Mein Stiefvater.«

 

»Professor Cunningham ist dein Stiefvater?« Die Überraschung stand ihm ins Gesicht.

 

Ich nickte und verzog entschuldigend die Miene. »Er hat nicht gesagt, dass jemand herkommt. Sicher hat er es vergessen …«

 

Ben blies die Wangen auf und musterte einen Augenblick die mittlerweile kargen Beete im Vorgarten. Schließlich setzte er ein mattes Lächeln auf. »Okay. Dann sollte ich es vielleicht ein anderes Mal versuchen.«

 

»Nein, komm doch rein«, sagte ich hastig, als er Anstalten machte, sich umzudrehen. »Dann kannst du mit ihm einen neuen Termin ausmachen.«

 

Er hob abwehrend die Hände. »Ich möchte keine Umstände machen.«

 

»Das passt schon.« Ich trat zurück und wartete. Zögernd biss er sich auf die Unterlippe und sah sich kurz um. Dann kam er herein und ich schloss hinter ihm die schwere Eingangstür.

 

»Ihr habt es sehr schön hier«, sagte er beiläufig, während ich ihm mit einer Geste anbot, seine Jacke entgegenzunehmen.

 

»Oh. Ich wohne nicht hier.« Ich wartete geduldig, bis er die Lederjacke abgelegt hatte und mir hinhielt. Sie war schwer und strahlte seine Körperwärme ab. Ein warmer Geruch von Gewürzen und Hölzern gemischt mit dem Leder schlug mir entgegen. Das ließ etwas in meinem Unterleib stolpern. Ich merkte, wie ich rot wurde, und wandte mich schnell ab.

 

»An den Wochenenden gibt es immer ein Familienessen«, erklärte ich und lachte dabei nervös, während ich auf den Garderobenschrank zuging.

 

»Ist es bei dir auch so … gewaltig?«

 

Das Gefühl, ertappt worden zu sein, überkam mich. Das Innere meines Kopfes war plötzlich wie leer gefegt. Mit leicht zittrigen Fingern hängte ich das Kleidungsstück in meinen Händen auf einen Bügel. »Ähm, was?«, stotterte ich.

 

»Hier ist es ganz schön groß.« Er sagte die Worte ganz langsam und begleitet wurden sie von einem unsicheren Lachen. »Ich meinte: Wohnst du auch so geräumig

 

Als meine Mutter Marcus damals heiratete, zogen wir kurze Zeit später in dieses Haus ein. Sie hatte zuvor ihren Job als Kassiererin in einem Supermarkt aufgegeben und die Umgestaltung des Hauses zu ihrem neuen Projekt erklärt. Erst seit zwei Jahren war es komplett fertig. Ihre Liebe für Details und das brillante Auge für Farben und Materialien waren in jedem Raum spürbar. Ebenso die Extravaganz, die ein Leben an der Seite eines Mannes wie Marcus mit sich brachte. Für sein Erforschen von Schauergeschichten …

 

Ich schloss die Türen des Garderobenschranks und atmete unauffällig, aber stoßend aus, bevor ich mich zu ihm umdrehte. »Nein. Ich mag es lieber übersichtlich. Ich finde es gemütlicher, wenn der Weg von einer Zimmerwand zur anderen nicht einer Weltreise gleicht«, scherzte ich und zwinkerte. »Wenn du verstehst, was ich meine.«

 

Hoffentlich würde sich mein Puls bald wieder verlangsamen.

 

Zuerst sah Ben mich mit runden Augen an, dann lachte er herzhaft auf. »Das ist mir sympathisch.«

 

Ben legte den Arm diagonal über die Brust und massierte so eine Stelle im Nacken. Die Haut an seinem Trizeps spannte sich dabei. Er ließ den Blick über das große Bild an der Wand zu seiner Linken schweifen, was ein einziges Farbengewimmel war, und so konnte ich ihn unbemerkt mustern.

 

In eben diesem Augenblick hörte ich die Stimme meiner Mutter dumpf nach mir rufen. Das erinnerte mich daran, dass ich sie damit allein gelassen hatte, den Tisch zu decken. Ohne groß nachzudenken, machte ich mich direkt auf den Weg. Ben folgte mir wie selbstverständlich, was mich die Stirn runzeln ließ.

 

Mom stellte gerade ein Tablett mit Gläsern ab und wandte sich uns mit einem Lächeln zu. »Wen hast du da mitgebracht?«

 

»Ben«, stellte sich mein Verfolger mit seinem typischen Grinsen und einer angedeuteten Verbeugung vor. Das brachte mich zum Schmunzeln.

 

Mom ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Ich bin Marissa. Avas Mom.«

 

Er hob so plötzlich abwehrend, fast panisch die Handflächen, dass ich neben ihm zusammenzuckte. Seine ganze Statur versteifte sich. »Ich hab’s nicht so mit Berührungen.«

 

Meine Mutter verharrte mitten in der Bewegung und warf mir einen raschen Blick zu. Mit der Zunge fuhr sie sich über die Lippen. »Entschuldigung. Ich wusste nicht …«

 

»Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen, ehrlich.« Ben lachte nervös. »Wahrscheinlich müsste ich mich entschuldigen. Es ist eine lästige Sache.«

 

»Für seine Ängste sollte man sich nie entschuldigen müssen«, entgegnete sie und schenkte ihm ein wohlwollendes Nicken.

Zum zweiten Mal wurden seine Augen rund, dann breitete sich langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Das ist die Weisheit des Tages, würde ich mal sagen. Danke.«

 

»Du bist ein Freund von Ava?«, fragte Mom.

 

»Ähm«, machte er und warf mir einen undefinierbaren Seitenblick zu. »Ziemlicher Zufall eigentlich. Wir haben uns tatsächlich schon einmal getroffen. Kürzlich, in der Bibliothek. Aber eigentlich bin ich hier, weil ich einen Termin mit Professor Cunningham habe.«

 

Sie hob die Brauen. »So? Freitagabends? Bei uns zu Hause?«

 

»Der Termin war eigentlich um sechzehn Uhr zu seiner Sprechzeit. Aber als ich bei seinem Büro ankam, meinte die Sekretärin, er sei früher gegangen. Sie hat ihn dann angerufen und mir die Adresse gegeben.«

 

»Bist du einer seiner Studenten?«, fragte sie weiter.

 

»Genau.«

 

Das ließ mich aufhorchen. »Ich dachte, du wärst der neue Bibliothekar?«

 

»Das ist auch richtig. Damit finanziere ich mir das Studium.«

 

»Sehr vernünftig«, kommentierte Mom. »Euer Termin muss aber erst mal warten. Wir wollen gleich zu Abend essen.«

 

Ben hob die Augenbrauen und zögerte. »Oh.«

 

Sein Blick senkte sich gen Boden. Die ganze Sache war ihm sichtlich unangenehm. »Professor Cunningham und ich können einen neuen Termin ausmachen.«

 

»Du kannst sicher auch mitessen«, schlug ich ihm vor, was meine Mutter freudestrahlend unterstützte.

 

»Das ist wirklich großzügig, danke«, sagte Ben freundlich. »Aber ich möchte keine Umstände machen.«

 

»Du machst keine Umstände«, beruhigte Mom ihn. »Du bist Student. Wann hattest du schon das letzte Mal eine vernünftige Mahlzeit?«

»So schlimm ist das heutzutage nicht mehr, Mom.« Ich schmunzelte.

 

Sie lachte und wandte sich dann wieder ganz Ben zu. »Natürlich isst du mit. Wir haben mehr als genug da, weil die anderen Teilnehmer leider abgesagt haben.«

 

Sie zwinkerte mir zu. Schon immer war sie schnell herzlich mit jedem und Berührungen waren für sie nie ein Thema. Deshalb wunderte es mich auch nicht, als sie ihm kurz auf die Brust klopfte. Dann setzte sie sich auf den Stuhl, der ihr am nächsten stand.

 

Trotzdem legte ich den Kopf schräg und mein Blick blieb an der Stelle kleben, die sie berührt hatte.

 

Er hatte nicht einmal gezuckt.